Forschungsprojekt:

Psychophysiologische Laborstudie zur emotionalen Reagibilität bei Borderline- und Depressionspatienten sowie einer psychisch unauffälligen Kontrollgruppe bei der Präsentation konfliktgesättigter Fallvignetten”

Zusammenfassung der Ergebnisse:

In der vorliegenden psychophysiologischen Laborstudie wurde die emotionale Reaktivität von Borderline-Patientinnen überprüft. Dazu wurden die Stimmungs- und Erregungsprofile sowie vier psychophysiologische Maße von 30 Borderline-Patienten mit den entsprechenden Reaktionen von 31 Depressions-Patienten und 32 gesunden Kontrollpersonen weiblichen Geschlechts miteinander verglichen. Zur emotionalen Aktivierung wurden den Probandinnen negative, neutrale und positive Fallvignetten mit Borderline-relevanten Inhalten per Audio- Aufnahme eingespielt. Um den Wirkungsgrad des Instruments zu erhöhen, wurde die Reizdarbietung mit einem daran anschließenden imaginativen Verfahren ergänzt. Die Selbsteinschätzungen der Stimmungs- und der Erregungsprofile wurden mit Hilfe dimensionaler und kategorialer Selbstberichtsverfahren realisiert. Zusätzlich wurden die dissoziativen Erlebensweisen der Probandinnen während der Emotionsinduktion ebenfalls mittels Selbsteinschätzungen kontrolliert. Zur Überprüfung zentralnervöser Reaktionen wurden während der gesamten Erhebung die Herzraten sowie die elektrodermale Aktivität erhoben. Zur psychophysiologischen Erfassung emotionsspezifischer, d. h. negativer und positiver Affektäußerungen der Probandinnen wurden darüber hinaus die mimischen Muskelgruppen des M. Corrugator supercilii sowie des M. Orbicularis oculi abgleitet.

Im Zuge der Reizexposition wurden bei allen Probandinnen Reaktionen entsprechend der Expositionsbedingung gefunden, so dass das Induktionsmaterial als wirksam eingeschätzt werden kann. In den psychologischen Selbsteinschätzungen konnten signifikante Unterschiede zwischen den Borderline- und Depressions-Patientinnen einerseits und der gesunden Kontrollgruppe andererseits nachgewiesen werden. Dabei zeigten die Patientinnengruppen im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe ein negativeres Stimmungsprofil und ein erhöhtes Erregungsniveau. Depressions- und Borderline-Patientinnen wiesen keine signifikant unterschiedlichen Reaktionen auf. Auch in den Ausprägungen des Dissoziationsscreenings berichteten sowohl Borderline- als auch Depressions-Patientinnen von intensiveren dissoziativen Erfahrungen als die gesunden Kontrollpersonen.
In den psychophysiologischen Ableitungen reagierten die gesunden Kontrollprobandinnen während der Baseline-Erhebung sowohl im M. Corrugator supercilii als auch im M. Orbicularis oculi gegenüber beiden Patientinnengruppen intensiver. Während der Reizexposition gab es, gemittelt über alle drei Emotionsinduktionen, ebenfalls bei beiden Patientinnengruppen im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe Hinweise erhöhter Reaktionen in den Herzraten sowie in den Ableitungen des M. Corrugator supercilii. Gemittelt über alle Untersuchungsgruppen wurde hier eine erhöhte Aktivität des M. Orbicularis oculi bei positiver im Vergleich zur negativen Induktion registriert.
In den Korrelations- sowie Kovarianzanalysen zum Einfluss dissoziativer Erfahrungen ergaben sich ausschließlich bezogen auf die Selbsteinschätzungen, nicht jedoch in den psychophysiologischen Maßen, entsprechende Hinweise auf einen womöglich hemmenden Einfluss, der durch dissoziative Zustände ausgelöst wurde.

Die dargestellten Ergebnisse stehen im Einklang mit den in der Biosozialen Theorie postulierten Hypothesen negativerer Emotionalität und höherer Erregung von Borderline-Patientinnen im Vergleich zu psychisch unauffälligen Probandinnen. Darüber hinaus verweisen die geringen Unterschiede zwischen Borderline- und Depressions-Patientinnen auf die in der Literatur diskutierte Überlappung beider Erkrankungen. Auch die Ergebnisse der psychophysiologischen Ableitungen spiegeln sowohl  die uneinheitlichen autonomen Reaktionen von Borderline-Patienten, aber auch die z. T. diskrepanten Ergebnisse zwischen Selbstberichten und psychophysiologischen Reaktionen in vorhergehenden Untersuchungen wider.

Kooperierende Kliniken:

  • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Schleswig-
    Holstein, Campus Lübeck,
  • Medizinisch-Psychosomatische Klinik Bad Bramstedt,
  • Schön Klinik Hamburg Eilbek, Universitäre Klinik für Psychosomatische Medizin und
    Psychotherapie,
  • Asklepios Westklinikum, Abteilung für psychosomatische Medizin und Psychotherapie